Traditionell ist die Politik im Freistaat Bayern vor allem eines: heimatverbunden, bodenständig und gleichzeitig sozial. Mit dieser für die deutsche Politiklandschaft wohl einmaligen Mischung konnte sich in Bayern seit Jahrzehnten vor allem die CSU behaupten – das S für sozial wurde ganz bewusst gewählt, um gegenüber der größeren bundesdeutschen Schwesterpartei CDU das Profil zu schärfen. Wertekonservativ und sozial engagiert: Mit dieser Grundhaltung ist die CSU seit fast 60 Jahren nahezu unangefochten die politische Nummer 1 in Bayern – prägende Politikerpersönlichkeiten wie Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Max Streibl und in jüngerer Zeit Horst Seehofer stehen dafür. Eine Ausnahme bildet das multikulturelle München, wo seit fast 20 Jahren ein SPD-Mann als Oberbürgermeister die Stadtgeschicke lenkt: Christian Ude. Aber München ist so wenig Bayern wie New York Amerika ist, und hier wie dort bestimmen über weite Teile traditionelle und konservative ländliche Regionen mit stark christlich geprägtem Hintergrund die Politik.
Freistaat seit 1918
Was ist eigentlich ein Freistaat? Politisch hat dieser Begriff heute keine Bedeutung mehr, Bayern hat als Bundesland der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr oder weniger Rechte als die anderen Bundesländer auch. Der symbolische Wert jedoch ist für die Bayern und ihr politisches Selbstverständnis bis heute hoch. Als mit dem Ersten Weltkrieg nicht nur das deutsche Kaisertum, sondern auch die Zeit der bayerischen Könige zu Ende ging, wurde 1918 der Freistaat Bayern ausgerufen: ein freier, demokratisch regierter Volkskörper mit einer eigenen Verfassung. Diesen Beinamen konnte Bayern durch die Wirren der Geschichte bis in die heutige Zeit hinüber retten. Den anfänglichen Wunsch, nicht der jungen Bundesrepublik Deutschland beizutreten und ein eigener Staat zu werden, musste Bayern nach langem Widerstand 1949 aufgeben. Geblieben sind der Beiname Freistaat und die Bayernhymne als Ausdruck bayerischen Selbstbewusstseins. Ein Privileg erkämpften sich die stolzen Bajuwaren: Nachdem die noch konservativere Bayernpartei entmachtet war, bildete sich mit der neu gegründeten CSU ein bundesweit einmaliges Phänomen: eine Partei, die nur im eigenen Freistaat gewählt werden kann und dennoch auf Bundesebene aktiv ist. CSU-Bundesminister aus Bayern mischten von Anfang an im politischen Tagesgeschäft in Bonn, später Berlin, mit.
Starke Verwurzelung im christlichen Glauben
Die starke Verwurzelung im christlichen Glauben ist bis heute für viele Bürger in Bayern prägend – sei es im eher katholischen wie etwa in Oberbayern oder im mehrheitlich evangelischen wie in großen Teilen Frankens. Hinzu kommt die starke Verwurzelung in Brauchtum und Tradition: Für viele Menschen in Bayern gehört es zum guten christlichen Ton die CSU zu wählen, so wie es vor ihnen die Eltern und Großeltern taten. Das bedeutet nicht, dass die Bürger immer mit der Fahrtrichtung ihrer Landespolitiker einverstanden wären, im Gegenteil. Kritik wird geübt, gerade wenn es um die Beschneidung von Werten wie Familie und Erhalt der Natur und der heimischen Landwirtschaft geht. Hier bemüht sich die bayerische Politik vor allem um Abgrenzung zu den Grünen, die in Bayern bislang nicht den Erfolg zu verzeichnen hatten wie in anderen Bundesländern. Dennoch – ein wenig beginnt die unangefochtene Machtstellung der CSU im Freistaat zu bröckeln: Seit 2008 muss sie die FDP in München mitregieren lassen – erstmalig in der Geschichte der bayerischen Politik.
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